John Stuart Mill

Von Schweinen und Menschen- 

Qualitativer Utilitarismus nach John Stuart Mill

(Helene Fuchs)

 

Was würdest du lieber tun?

 

  1. a) eine Folge „How I met your mother“ schauen
  2. b) ein Sonett von Shakespeare hören

oder:

  1. c) einen Boxkampf verfolgen

 

Welche dieser Aktivitäten würdest du aber als kulturell am wertvollsten einstufen?

 

Obwohl die meisten von uns wohl bei der ersten Frage wählen würden, die Sitcom zu schauen, sähe die zweite Antwort vermutlich anders aus und die Mehrheit würde sagen, Shakespeares Werk sei kulturell höherwertig einzustufen. Dem klassischen Utilitarismus zufolge wäre trotzdem Aktivität a die wünschenswerte, da diese für die Mehrheit Freude bedeutet.

Doch einer der größten Kritikpunkte an Benthams Utilitarismus und dem hedonistischen Kalkül besteht seit jeher darin, dass keinerlei Unterschied zwischen einzelnen Freuden gemacht wird: Auch wenn die größte Freude für die Mehrheit darin bestünde, einen Menschen zu töten, wäre dies wünschenswert, ja legitim, da der Spaß der Menge das Leiden des Opfers überwiegt.

 

Eine Generation nach Bentham versuchte jedoch John Stuart Mill Utilitarismus und Moral zu verbinden.

Mill, geboren 1806, war der Sohn eines Schülers von Jeremy Bentham und wuchs, von seinem Vater unterrichtet, schnell zu einem außergewöhnlich gebildeten Kind heran. Mit drei begann Mill, Griechisch zu lernen, fünf Jahre später auch noch Latein. Mit 14 veröffentlichte er ein Werk über Geschichte und beschäftigte sich intensiv mit Logik und Mathematik. All dies angetrieben von seinem Vater, den dieser hatte zum Ziel, ihn zu einem der führenden Philosophen zu machen.

Als junger Mann machte John Stuart Mill nach einer schweren depressiven Phase die Bekanntschaft mit diversen anderen Philosophen und kam zu dem Schluss, dass die negativ geprägten Ansichten seines Vaters und Benthams über Moral und den Zweck des menschlichen Lebens zu begrenzt waren. Er sah sich in der Pflicht, die Gesellschaft zu verbessern. Dies wollte er durch eine positive und reformierte Form des Utilitarismus erreichen.

Doch wie soll diese aussehen? Eine Antwort gibt Mill in den Werken „Über die Freiheit“ und „Der Utilitarismus“.

 

Wie Bentham ist auch Mill der Meinung, dass das gesamte menschliche Leben auf Glück und Freude abzielt und dass es diesen Wunsch zu fördern gilt. Doch anders als Bentham nimmt Mill eine qualitative Abstufung der Freuden vor. Denn ein Leben, welches nur auf Lustgewinn, beziehungsweise auf Vermeidung von Unlust ausgerichtet ist, sieht er als „eine Ansicht, die nur der Schweine würdig wäre“.

Für Mill sind Freuden, bei denen der Verstand, die Gefühle und die Vorstellungskraft der Menschen zum Tragen kommen, eindeutig rein sinnlichen Freuden vorzuziehen. Auch sieht er das „sittliche Gefühl“ als einen wichtigen Faktor bei der Qualitätsberechnung. Dies ist aus seiner Sicht trotzdem mit dem utilitaristischen Prinzip vereinbar, da für ihn ein wertvolles Leben auch darin besteht, höhere und spezifisch menschliche Fähigkeiten zu nutzen. Daher nennt er seine eigene Theorie auch weiterhin Utilitarismus, denn obwohl hierbei  Freuden eine Qualität zugeschrieben wird, behält Mill trotzdem den Zweck im Auge. Denn für ihn ist die Methode nicht nur ein Weg, Glück zu vermehren, sondern auch Moral. Daher argumentiert er auch für die allgemeine Freiheit von meinung und Presse, da er sonst die Gefahr sieht, dass Staaten im Dogma erstarren. Außerdem glaubt er, dass in jeder Ansicht ein Teil der Wahrheit steckt und niemand mit letzter Gewissheit sagen kann, ob die unterdrückte Meinung sich letzten Endes als richtig erweist. Auch argumentiert Mill gegen die Unterdrückung von Minderheiten und die „Tyrannei der Mehrheit“, will also bestimmte Grenzen für die Gesellschaft setzen.

Für alle soll ein angenehmnes und moralisches Leben möglich sein.In dieses gute Leben, möglichst frei von Unlust bezieht er nicht nur den Menschen, sondern auch die gesamte fühlende Natur mit ein.

 

Hier zeigt sich eine Ähnlichkeit mit Aristoteles und seiner Mesotes-Lehre. Beide Teleontologen definieren Glück, beziehungsweise Glücksseligkeit als Endziel allen Handelns und vertreten die Aufassung, dass gutes Handeln mit moralischem Handeln gleichgesetzt werden kann

 

Um nun aber zu bestimmen, welche Freude die qualitativ hochwertigste ist, greift Mill auf das Grundprinzip des Utilitarismus zurück: „Von zwei Freuden ist diejenige wünschenswert, die von allen oder nahezu allen, die beide erfahren[…], bevorzugt wird.“ Das Gleiche gilt bei der Bevorzugung einer Freude, die auf lange Sicht Unglück oder Leid verursacht, denn eine weitere Kritik Mills am klassischen Utilitarismus ist, dass aus seiner Sicht, Freude und Leiden von zu ungleicher Art sind, als das man sie einfach vergleichen könnt

Laut dem englischen Philosophen würden alle Menschen, die beide Freuden erfahren haben, sich für die moralisch und kulturell hochwertigere entscheiden, selbst wenn diese mehr Leid bringt. Eine Entscheidung für die niedere Freude liege darin begründet, dass der Wählende nur diese erfahren habe. Denn alle vernunftbegabten, intelligenten Menschen streben, Mills Ansicht folgend, nach einer Lebensweise, die ihren Intellekt fordert und moralisch ist.

In diesen Zusammenhang lässt sich auch eines seiner berühmtesten Zitate einordnen: „Es ist besser, ein unzufriedener Mensch zu sein, als ein zufrieden gestelltes Schwein.“Denn trotz dass das Schwein einfacher zufrieden gestellt werden kann, fehlen ihm doch die spezifisch menschlichen Eigenschaften, die unser Leben erst lebenswert machen. Der unzufriedene Mensch kann sich mit seiner Situation arrangieren, während sich das Schwein dessen gar nicht bewusst ist.

Dies sei auch der Grund, ausdem kein intelligenter Mensch freiwillig die Möglichkeit ergreifen würde, als ein solches zufriedenes Schwein zu leben.

Hier setzt auch meine Kritik am qualitativen Utilitarismus an: Denn wenn wir die Ergebnissen der Umfrage nach Mills Lehre deuten, sind alle, deren Antworten voneinander abweichen, entweder nicht mit beidem vertraut, oder ungebildet, beziehungsweise unintelligent. Kann das stimmen? Ich glaube, auch intelligente Menschen schauen gerne Sitcoms und vielleicht ist das auch notwendig, um die „Unvollkommenheit ihres Glücks“ zu ertragen. Obwohl es Bentham aus meiner Sicht sehr gut schafft, dem Utilitarismus die Kaltheit und Berechnung zu nehmen, übersieht er hier die Natur des Menschen. Denn diese besteht für mich auch darin, von Zeit zu Zeit loslassen zu können und Vergnügung über Bildung zu stellen.

 

Quellen:

„Gerechtigkeit“ Michael J. Sandel

www.utilitarism.com

www.stanford.edu: Encyclopedia of Philosophy

„Der Utilitarismus“ John Stuart Mill

„Autobiographie“ John Stuart Mill

 

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